Greifbare Zeit

Archäologie und Denkmalpflege auf der Insel Rügen

Schlagwort-Archiv: Rudolf Baier

Fort Grahlhof

An das Ende des 19. Jahrhunderts oberhalb der Grahler Fähre errichtete preußische Fort Grahlhof erinnert heute nur noch das Wallmeisterhaus, denn nach der Aufgabe ließ der Käufer des Grundstücks die Gräben und Wälle vollständig einebnen. Nach Entwurfsplänen im Geheimen Staatsarchiv Berlin handelte es sich um ein sogenanntes Einheitsfort, den damaligen Standardtyp für Festungsbauten im Deutschen Reich. Einzelheiten zum Bau und sogar zum leitenden Bauingenieur überlieferte der Stralsunder Museumgründer Rudolf Baier (1818-1907) in seiner Schrift Die Insel Rügen nach ihrer archaeologischen Bedeutung (Stralsund, 1896). Er berichtete von einem geologischen Objekt, welches 1880 beim Bau des Stralsund gegenüber gelegenen Forts Grahlhof im Lehmboden gefunden und von dem den Bau leitenden Ingenieuroffizier, Premierlieutnant John, dem Museum als Geschenk überwiesen wurde.

rahlhof, Insel Rügen. Rayon-Plan des Forts (Ausschnitt). Geheimes Staatsarchiv Berlin.

Grahlhof, Insel Rügen. Rayon-Plan des Forts (Ausschnitt). Geheimes Staatsarchiv Berlin.

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Das längste Hünenbett Rügens

In der Schrift, Die Insel Rügen nach ihrer archäologischen Bedeutung, Stralsund 1886, beschrieb Rudolf Baier ein Hünenbett aus der Jungsteinzeit mit der ungewöhnlichen Länge von 73 m und einer Breite von 6,50 m bei der Waldhalle nördlich von Sassnitz. An der südwestlichen Schmalseite soll es von vier, einen halben Meter aus dem Boden herausragenden Findlingen und an den Langseiten von kleineren Steinen eingefasst gewesen sein. Die ganze Oberfläche war der Beschreibung zufolge mit kopfgroßen Rollsteinen gepflastert. Da das Grab später weder Ernst Sprockhoff, noch Ewald Schuldt oder ein anderer Bearbeiter der mittelneolithischen Großsteingräber erwähnte, erschien es angebracht, die Angaben von Rudolf Baier im Gelände zu überprüfen. Im Januar 2015 entdeckte ich tatsächlich ein Objekt in der Nähe der Waldhalle, auf das die Angaben zutrafen. Da den Hügel in der Mitte ein Waldweg durchschnitt und die Steine von Steinschlägern entfernt worden waren, war es nicht auf den ersten Blick erkennbar.

Insel Rügen. Länge (blau) und Breite (rot) der Hünenbetten.

Insel Rügen. Länge (blau) und Breite (rot) der Hünenbetten.

Das Großsteingrab bei Mariendorf, Insel Rügen

In der Karte Friedrich von Hagenows (1829) ist auf dem Buchstaben „M“ des Ortsnamens „Middelhagen“ ein steinzeitliches Großsteingrab der Form 2 verzeichnet. Es wurde auch noch im preußischen Urmesstischblatt (1838) kartiert, doch nach 1904, nach der tabellarischen Auflistung bei Rudolf Baier (Vorgeschichtliche Gräber auf Rügen und in Neuvorpommern, Greifswald 1904), verliert sich die Spur. Wie die meisten Großsteingräber der Insel Rügen wurde das Mariendorfer Grab am Ende des 19. Jahrhunderts aufgrund von Rationalisierungszwängen in der Landwirtschaft zerstört. Die in den alten Karten verzeichnete Stelle konnte 2012 auf einem Acker nördlich des Ortes Mariendorf am südöstlichen Rand einer Feuchtniederung lokalisiert werden.

Das Grab bei Mariendorf auf der Karte F. von Hagenows 1829.

Das Grab bei Mariendorf , Insel Rügen, auf der Karte F. von Hagenows 1829.


Hier fiel eine leichte, aber deutlich wahrnehmbare, auf ca. 30 m breitgezogene Erhebung auf. Es war die einzige Anhöhe auf dem Acker zwischen Niederung und Ortslage Mariendorf. In der Mitte befanden sich mehrere Granittrümmer und Fragmente von Rotsandsteinplatten, mit denen das Trockenmauerwerk zwischen den Trägersteinen der Grabkammer ausgeführt wurde.

Prähistorische Steinkisten bei Alt Reddevitz

In der Karte Friedrich von Hagenows (1829) sind am westlichen Ende der Halbinsel Alt Reddevitz oberhalb der „Kuhle“ zwei vorgeschichtliche Steinkisten vom Typ 1 verzeichnet. Diese Gräber sind nicht in den offiziellen Listen der Bodendenkmale erfasst. Rudolf Baier (R. Baier, Vorgeschichtliche Gräber auf Rügen und Neuvorpommern, Greifswald 1904) erwähnte S. 17, dass die Gräber zerstört wurden.

Alt Reddevitz, Insel Rügen. Zerstörte Steinkisten.

Alt Reddevitz, Insel Rügen. Zerstörte Steinkisten.


Am 24.03.2012 konnten an der mit Hilfe der Karte ermittelten Stelle folgende Beobachtungen gemacht werden: Von dem am Wegrand aufgestellten Höhenpunkt 32,9 verläuft eine Ackerspur Richtung Süden auf ein dichtes Feldgehölz, an dessen Rand sich ein verfallener Jagdanstand befindet. In diesem Gehölz liegt ein in Ost-West-Richtung verlaufender Hügel (L. ca. 40 m) aus faustgroßen Rollkieseln. Am östlichen Ende des Hügels befindet sich eine Ansammlung von Granit- und Rotsandsteinplatten. Ein Granit weist das halbe Bohrloch einer Sprengung auf. Bei dem Hügel handelt es sich vermutlich um einen Lesesteinhaufen mit Material aus einem der zerstörten Steingräber.

50 m westlich der Stelle liegt ein weiteres Feldgehölz. Es besteht aus undurchdringlichen Schlehengewächsen. An einem Tierwechsel sind Granitblöcke zu erkennen. Vermutlich handelt es sich um das zweite der zerstörten Steingräber. Die Stelle befindet sich am südlichen Ausläufer einer flauen Geländekuppe, an der nach der topographischen Karte 1:25000 (1885) eine Bake gestanden hat.

Opfersteine auf Rügen

Vortrag am Mittwoch, 29. August 2001, 19.00 im Grundtvighaus Sassnitz.

Als die im humanistischen Bildungsmilieu geformte Intelligentia des frühen 19. Jahrhunderts – Lehrer und Geistliche – an der Vorgeschichte des eigenen Landes Interesse gefunden hatten, versuchten Sie viele Phänomene mit Hilfe antiker Schriftüberlieferung zu erklären.

Theobul Kosegarten, Pfarrer von Altenkirchen, deutete einen Befund bei Krakow in der Nähe von Bergen 1782 so:

„Diese schauervolle Gegend liegt eine halbe Stunde von Bergen. Sie ist ganz mit Dornbüschen bedeckt, durch die man sich nicht ohne Mühe den Weg zu den Grabhügeln bahnt … Längliche Vierecke, etwa zehn Schuh tief in die Erde gegraben, die Wände mit gehauenen Steinen ausgesetzt, und bedeckt mit einem einzigen Stein von ungeheurer Größe, der oben völlig glatt und in der Mitte zuweilen eingeschnitten ist, so daß diese Grabmale auch zu Opfersteinen scheinen gedient zu haben, worauf man den gefallenen Helden die Gefangenen schlachtete“.

Ein anderer Fund in der Nähe des inzwischen untergegangenen Ortes Quoltitz wurde von seinem Amtskollegen dem Pfarrer von Bobbin, Frank, um 1800 so gedeutet:

„ Westlich von den Quoltitzer Bergen auf Rügen und zwar am Fuße derselben mitten in einem tiefen weiten Thale, welches ein erhabener Hügelring und niedrige Gesträuche einschließen, findet man einen großen gewiß uralten Opferstein – eine denkwürdige Reliquie des frommen Wahnes unserer Vorältern. Es ist ein roher Granitblock… Nicht weit von dem einen Ende desselben ist quer über in den Rücken eine breite tiefe Furche eingemeisselt, welche als eine ordentliche Rinne das dampfende Blut der über diesem Steine geschlachteten Opfertiere fast bis zur Erde herableitete, wo der Priester alsdann solches in geweihten Schalen auffing und aus dessen Farbe und Beschaffenheit die Geschichten der Zukunft las. Eiskalte Schrecken rieselten durch meine stockenden Adern, das Mark rührte sich fühlbar in meinen innersten Röhren und ich floh diese Ansicht…“

Welche antike Überlieferung konkret für diese Interpretationen herangezogen worden war ist nicht mehr mit Sicherheit zu entscheiden. Die Steine wurden aber offenbar mit dem Begriff „Altar“ verknüpft, einem aus dem lateinischen „altaria=Brandstätte, Opferherd“ abgeleiteten Substantiv für eine natürliche oder künstliche Erhebung über dem Boden, die der Kommunikation eines Opfers an die göttlichen Mächte diente. Aus Überlieferungen bei Homer und später bei Lukian und anderen Schriftstellern der Antike ging hervor, daß sorgfältig zwischen der altarlosen Opferdarbringung in einer ausgehobenen Grube für die „inferi“ (=Unterweltsgottheiten), der auf der flachen Erde durchgeführten Opferung für die „terrestres“ (=Erdgötter) und den durch einen Altar bewußt erhöhten Opfer für die „superi“ (Himmelsgötter) unterschieden wurde.

„Will jemand ein Schaf als Opfergabe darbringen, lege er seine Hand auf den Kopf des Opfers und schlachte es. Die Priester sollen das Blut ringsum an den Altar spritzen. Als Feueropfer soll dann dargebracht werden: der Fettschwanz – dicht am Schwanzbein abgelöst – ferner das Fett, das die Eingeweide bedeckt samt allem Fett an den Eingeweiden, die beiden Nieren nebst dem Fett an ihnen, an den Lenden und den Leberlappen; bei den Nieren löse er es ab. Der Priester soll es auf dem Altar in Rauch aufgehen lassen als eine Feueropferspeise für Gott zu lieblichem Wohlgeruch (Leviticus)“.

Auch Friedrich von Hagenow, der Anfang des 19. Jahrhunderts an der ersten archäologischen Karte der Insel Rügen arbeitete, führte die „Opfersteine“ als archäologische Fundgruppe auf und hob als Beweis für ihre rituelle Funktion die Rinne, die Nähe zum Wasser und zu vorgeschichtlichen Grabmälern in der Umgebung hervor. Dem folgte 1886 R. Baier, der die bis dahin bekannten Opfersteine von Rügen mit dem neu entdeckten Näpfchenstein (Schälchenstein) vor dem Burgwall „Schloßberg“ im Forst Werder in einen Zusammenhang stellte. Den Forschungsstand aus der Sicht der Archäologie zusammenfassend schrieb er: „Dass die Steine zu Opferzwecken gedient haben werden, ist in Ermangelung einer besseren Deutung wohl anzunehmen“. Auch W. Wegewitz, der zwischen Rillen- und Rinnensteinen unterschied, hatte für die Funde aus seinem Arbeitsbereich noch 1983 keinen Zweifel daran, daß unsere Denkmäler „Zeugen eines Fruchtbarkeitskultes“ sind. D. Schünemann schloß sich 1987 teils dieser Auffassung an, teils folgerte er aus der Befragung von Steinmetzen, daß einige wenige Rillen und Rinnen auch auf rezente Steinspaltungsversuche zurückgehen könnten. Jedenfalls blieb bis in die jüngste Zeit um Rügens „Opfersteine“ eine „mystische Aura“ erhalten, die in phantasievollen Pseudosagen und rezenten Münzdeponierungen in Spalten und Vertiefungen der Steine von Quoltitz und Insel Vilm belegbar war.

Auf die wirtschaftliche Bedeutung der Großgeschiebe Rügens als Ressource für Baumaterial und die darauf zurückgehenden Spuren am Gestein und in der Landschaft wurde dagegen seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts durch die Geowissenschaftler H. Schmidt und W. Schulz hingewiesen. Das Gestein, insbesondere Granite aus Smöland, Blekinge und Bornholm, welches der an der Insel Bornholm in zwei Gletscherströme zerrissene Ostsee-Großgletscher aufgenommen und an Rügens Ostküste abgelagert hatte, war durch holozäne Erosionsprozesse günstig in Blockpackungen und Blockstränden aufgeschlossen und leicht erreichbar. Da das Steinmetzverfahren zur Herstellung von passgenauen Werkstücken auf einer in den Stein geschlagenen Rinne (Keilnut) beruhte, sei zu überlegen, ob die angeblichen „Blutrinnen“ in Wirklichkeit Reste von solchen technischen Spaltrinnen darstellten.

Zur Spaltung eines Werkstücks wurde zunächst dort, wo der gewünschte Riß entstehen sollte, mit dem Schröter eine kleine Nut gezogen. Es folgte danach das Einarbeiten der Keillöcher mit dem Spitzeisen oder einer durchgehend eingearbeiteten Keilnut. In die Löcher oder Nut wurden in nicht zu großen Abständen Keile eingesetzt und mit einem Hammer eingetrieben, wodurch der Werkstein zum Spalten gebracht wurde.

Die Anzahl der bekannten Funde von „Opfersteinen“ auf Rügen war zunächst zu gering, um die geologische Erklärung zu bestätigen und um Aussagen zur Datierung und Funktion der Rinnen machen zu können. Erst durch intensive Geländebegehungen seit 1999 und Auswertung von Archivgut trat eine für die Fragestellung beträchtliche Materialvermehrung ein. Die Auffindung von halbierten Blöcken, die an einer Kante noch die Fase einer Keilnut aufwiesen und der geographische Zusammenhang von Steinvorkommen, Steinschlägerspuren und „Opfersteinen“ (Rinnensteinen) gab schließlich den Ausschlag für die hier vorgeschlagene ausschließlich technische Interpretation der Befunde.

Die rund oder halbrund verlaufenden Rinnenspuren mit runden, flächigen Absprengungen von ungefähr 40 cm Durchmesser am Opferstein von Quoltitz wurden schon im „Slawencorpus“ als Hilfslinien zu Abspaltung von Handmühlsteinen gedeutet. Ähnliche runde Abspaltungsspuren wurden nach neuerlicher Sichtung des Materials auch an den „Opfersteinen“ von Nipmerow und Sagard festgestellt. Die an diesen Steinen gewonnenen einfachen Granitmühlen, bestehend aus einem Unterlieger und einem Läufer, ließen sich in Befunden slawischer Zeitstellung nachweisen, so daß allgemein eine Datierung in das frühe bzw. slawische Mittelalter anzusetzen sein dürfte. So war im Fundgut der slawischen Siedlung von Lancken-Granitz auch das Fragment einer Drehmühle aus Granit enthalten, die von den Abmessungen her zu den runden Bearbeitungsspuren an den „Opfersteinen“ von Quoltitz, Nipmerow und Sagard passen könnte. Zur Herstellung der Unterlieger von Handmühlsteinen wurden offenbar große, nur leicht gewölbte, durch Eisschliff geglättete Granitgeschiebe ausgesucht, bei denen von vorbereiteten Rinnen ausgehend Teile der Steinoberfläche abgetrennt wurden. Zurück blieb dann, wie bei den Granitblöcken von Nipmerow, Quoltitz und Sagard, eine charakteristische, netzartige Struktur.

Opferstein Klein Kubbelkow, Rügen

Der 2010 bei Grabungen des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege entdeckte "Opferstein" erwies sich als Rohblock für die Mühlsteinproduktion im 2. Jh. n. Chr.


Die geraden oder nur schwach gebogenen Rinnen bereiteten die Spaltung von konturierten bzw. paßgenauen Werkstücken vor. Überwiegend handelte es sich um einfache Erzeugnisse wie Bordsteine und Fundamentquader, da die Verwitterungseinflüssen ausgesetzten Findlinge für bildhauerische Arbeiten nicht die notwendige Qualität aufwiesen. Diese „Rinnensteine“ dürften zum größten Teil in der Neuzeit entstanden sein. Mit der Entwicklung des Straßen- und Hafenbaus nach der Zuordnung Rügens an Preußen 1815 war die Nachfrage nach dem „billigem“ Material vor Ort sprunghaft angestiegen, was zur Entwicklung neuer Berufszweige, der Steinzanger oder Steinfischer für den marinen und der Steinschläger für den Festlandsbereich, geführt hatte.

Die Arbeitsweise der Steinschläger ließ sich aus Urkunden, sowie den Spuren am Gestein und im Gelände erschließen. Danach umfaßte sie verschiedene Teilschritte: Prospektion, Brechen und Abtransport. Wie aus den Akten des Klosters St. Annen und Brigitten in Stralsund ersichtlich war, wurde die Steinausbeute durch Vereinbarungen mit den Grundeigentümern vorbereitet. Die Steinschläger, die entsprechend den bewilligten Feldern vorgingen, arbeiteten auf Bestellung in einem enggefaßten geographischen Gebiet. Als Auftraggeber trat zum Beispiel die Bauinspektion der Stadt Stralsund aber auch das Kloster St. Annen und Brigitten selbst auf. Sie bestellten 1857 wie in den Jahren davor über die Bauinspektion, welche offenbar die Konzession zum Steinabbau in der Gemarkung Quoltitz erhalten hatte, Baustoffe aus der Feldmark von Quoltitz:

„Da das Provisorat des Klosters St. Annen und Brigitten sich am 6ten Februar dieses Jahres bereit erklärt hat, im Fall des durch uns zu bewirkenden Schlagens von Klopfsteinen zu Quoltitz ein Quantum von 200 Schachtruthen (1 Schachtruthe=4,452 m³) gesprengter oder geschlagener Bausteine für den Preis a Schachtruthe von 1 Reichsthaler 15 Silbergroschen zu übernehmen und wir in Folge dieses Anerbietens

118 1/4 Schachtruthen ganze Kopfsteine
18 Schachtruthen halbe Kopfsteine
183 Schachtruthen Fundamentsteine
2498 laufende Fuß Saumsteine

für unsere Rechnung haben schlagen lassen, so ersuchen das Provisorat wir ergebenst uns den Auslagebetrag für 183 Schachtruthen Fundamentsteine satt 24-28 Zoll hoch gesetzt, a 1 Reichsthaler 15 Silbergroschen mit 274 Reichsthaler 15 Silbergroschen zu erstatten und bemerken, daß das angegebene Quantum Fundamentsteine nach der am 25sten vorigen Monats geschehenen Aufmessung des Bauschreibers Peters wirklich vorhanden ist.

Stralsund, den 12. September 1857. Die Bauinspektion. Becker.“

Ein Maurermeisterbetrieb wurde mit der Steinschlägerarbeit beauftragt. Gemäß Pachtvertrag hatte dann der Pächter des Gutes Quoltitz die Aufgabe die Steine zum Hafen nach Polchow zu bringen, von wo sie nach Stralsund verschifft wurden.

Je nach Art der Bestellung wurde zur Teilung der Blöcke das Pulversprengverfahren oder die Spalttechnik mit Keilnut angewendet. Daneben wurden auch unbearbeitete Findlinge, zum Teil in Gruben, abgebaut. Sowohl die Herstellung der Sprenglöcher, als auch die Ausarbeitung der Rillen wurde bis zur Erfindung der Druckluftwerkzeuge mit Hand ausgeführt und erforderte neben guter physischer Konstitution einschlägige Kenntnisse der Steinmetztechniken. Mehrmals ließ sich beobachten, daß im Abstand von ungefähr 10 cm entlang der vorgesehenen Spaltlinie zwei parallele Rinnen so tief wie möglich ausgemeißelt worden waren. Danach wurde der Mittelgrat entfernt und die nunmehr U-förmige Rinne durch Ausmeißelung einer weiteren Rinne in der Mitte der Sohle weiter vertieft, bis insgesamt ein V-förmiger Querschnitt entstand. Da das Verhalten des Geschiebematerials, im Gegensatz zu anstehendem Fels im Steinbruch, schwer einschätzbar war, wurde der Spaltversuch offenbar schon beim geringsten Zweifel am Erfolg in jeder Arbeitsphase abgebrochen, wodurch dann auch die vielen unterschiedlichen Rinnenquerschnitte zu erklären wären. Gruben und Aushubhalden an halb gespaltenen Findlingen und innerhalb der Blockpackungsgebiete machten deutlich, daß größere Findlinge bis zur vorgesehenen Spaltstelle ausgegraben, vielleicht sogar unterhöhlt wurden, um das Eigengewicht auszunützen, und dann an der vorbereiteten Rinne durch eingetriebene Keile getrennt wurden. Wenn vermaßte Werksteine, wie zum Beispiel Bordsteine gewonnen werden sollten, blieb häufig ein Rest des Blocks mit der Fase der Spaltrinne und der Arbeitsgrube zurück (Abb. 13). Ohne weitere Bearbeitung liegengelassen blieben außerdem Fehlspaltungen, so zum Beispiel das interessante Exemplar von Ranzow mit beiden sich entsprechenden Fasen der Spaltrinne und Blöcke, bei denen der Spaltversuch erfolglos verblieben war. Weshalb allerdings der akkurat gespaltene Stein vor dem „Blocksberg“ bei Posewald liegenbleib, konnte nicht geklärt werden.

Die Steinschläger hinterließen tiefe Narben in Natur und Landschaft, die bis heute sichtbar blieben. So sah sich 1878 das Provisoriat des Klosters St. Annen und Brigitten in Stralsund gezwungen Regelungen zum Schutz der Umwelt zu erlassen:

„Euer Wohlgeboren erwidern wir auf Ihr Gesuch die Abfuhr von Steinen von Gr. Quoltitz betr. daß Ihnen diese Abfuhr unter folgenden Bedingungen gewähret sein soll:
Die Steine werden (nur) aus denjenigen Stellen entnommen, welche der Gutspächter dazu ausweist
Beim Ausgraben von Steinen sind die Löcher soweit die aufgeworfene Erde reicht wieder zuzuwerfen
Etwa beim Sprengen oder Schlagen der Steine zurückbleibenden Steinsplitter sind zu vergraben
Die Steine werden unentgeldlich verabfolgt (und behält das Provisoriat sich die Bestimmung vor, unter Umständen die weitere Abfuhr von Steinen wieder aufzuheben).
Stralsund, 16. III 1878“.

Noch schwerwiegender waren die Schäden, welche die Steinfischer hinterließen, da sie die Außenküsten Rügens ihres natürlichen Schutzes beraubten. Erst 1906 konnte per Polizeiverordung ein Verbot des Steinzangens durchgesetzt werden.

Neben den hier vorgelegten Ergebnissen zeigte die Materialaufnahme im Gelände aber auch, daß die großen erratischen Blöcke dennoch in vorgeschichtlicher Zeit in Funktionen, die keine rezenten oder vorgeschichtlichen Steinbearbeitungstechniken als Ursache hatten, einbezogen waren. So waren mehrere der „Rinnensteine“ zusätzlich mit sogenannten „Schälchen“ bedeckt, die in der vorgeschichtlichen Forschung seit jeher ebenfalls mit Kulthandlungen in Verbindung gebracht wurden, oder sie waren Teile von megalithischen Grabanlagen. Die Neuvorlage der „Schälchensteine“ von Rügen wäre allerdings eine Aufgabenstellung, die auf der Grundlage des durch die aktuelle Materialaufnahme erheblich vermehrten Materials als prähistorisch-archäologischer Beitrag gesondert behandelt werden sollte.