Greifbare Zeit

Archäologie und Denkmalpflege auf der Insel Rügen

Bronzezeitlicher Grabhügel oder neolithischer Langhügel

An der Kreisstraße 5 zwischen Venz und Neuendorf liegt vor der prächtigen Kulisse der Neuendorfer Wiek ein einzelner Grabhügel aus prähistorischer Zeit. Am 22. April 2016 habe ich mir Zeit genommen und den Hügel genauer untersucht. Von der Straße her kommend erscheint der Umriss zunächst als gleichmäßiger Kegel, wie man es von bronzezeitlichen Hügelgräbern her kennt. Erst beim Weitergehen ist festzustellen, dass es sich um eine längliche Anlage handelt, die von Süden nach Norden pultartig ansteigt (Länge 27 m; Breite 16 m). Die Auswertung der vor Ort mit dem GPS vorgenommenen Höhenmessungen mit der Rastergeländeanalyse-Erweiterung des freien Geoinformationssystems QGIS legt nahe, dass der Befund den Erdkern eines der Steine beraubten Hünenbetts darstellt. Dies wäre der erste Nachweis eines neolithischen Langhügels der Trichterbecherkultur im westlichen Inselteil von Rügen.

Venz/Neuendorf, Insel Rügen. Langhügel. Höhenschichtenplan und Ansichten.

Venz/Neuendorf, Insel Rügen. Langhügel. Höhenmodell und Ansichten.

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Ein Drumlin-Schwarm bei Lubkow

In dem Dreieck zwischen Karow, Lubkow und Zirkow ist im digitalen Geländemodell ein Schwarm von linearen Strukturen eiszeitlichen Ursprungs auszumachen, welcher der bei Trent beschriebenen Formation ähnelt. Die bis zu zwei Kilometer langen Streifen sind allerdings etwas schwächer ausgeprägt und der Winkel zur Ost-West Richtung ist mit 43 Grad geringer. In der geologischen Fachliteratur bezeichnet man entsprechende Geländeformen als Drumlins, Crag-and-tail-Ablagerungen oder Flutes. Für die Entstehung waren dynamische Prozesse der Eisschilde verantwortlich, so dass die Ausrichtung parallel zur Eisbewegung erfolgte. Die Strukturen entstanden wahrscheinlich während der letzten Eisvorstöße aus dem Ostseeraum zwischen 12.800 und 13.200 v.h.

Lubkow, Insel Rügen. Eiszeitliche Strukturen zwischen Binz, Lubkow und Zirkow.

Lubkow, Insel Rügen. Eiszeitliche Strukturen zwischen Binz, Lubkow und Zirkow.

Der Burgwall von Sagard

Der Burgwall von Sagard liegt abseits des Ortes in einer schwer zugänglichen Kleingartenanlage. Vom Boden aus sind die im Mittelalter eingeebneten Wälle kaum zu erkennen. Erst im digitalen Geländemodell, das seit 2010 öffentlich zur Verfügung steht, zeigt sich das ehemalige Befestigungswerk als ein geschlossener Wallring mit einer schwachen Erhebung in der Mitte. Das Dreieck des Sagarder Bachs und eines vom Goldberg kommenden Grabens nutzten die Erbauer zum Schutz der Nord-, West- und Südflanke. Die durch Gewässer ungeschützte Ostseite erhielt eine Verstärkung des Wallaufbaus, die im digitalen Geländemodell deutlich ablesbar ist. Gegenstände, mit denen das Alter der Anlage bestimmt werden könnte, fand man bislang nicht. Vermutlich stammt die Burg aus der Slawenzeit. Das Dorf Sagard, das das slawische Wort für Burg im Ortsnamen enthält, entstand abseits und ohne erkennbare Raumbeziehung zum Wall am Beginn des 13. Jahrhunderts um den Kirchhof und die drei Marktplätze. Ein weiterer Siedlungsansatz ist entlang der Kapeller Straße festzustellen. Die regelmäßige Anordnung der Straßen in den Quartieren südlich der Kirche könnte auf eine planmäßige Ortsgründung hinweisen.

Sagard, Insel Rügen. Lage des Burgwalls.

Sagard, Insel Rügen. Lage des Burgwalls.

Sagard, Insel Rügen. Ansicht des Burgwalls von Osten.

Sagard, Insel Rügen. Ansicht des Burgwalls von Osten.

Fort Grahlhof

An das Ende des 19. Jahrhunderts oberhalb der Grahler Fähre errichtete preußische Fort Grahlhof erinnert heute nur noch das Wallmeisterhaus, denn nach der Aufgabe ließ der Käufer des Grundstücks die Gräben und Wälle vollständig einebnen. Nach Entwurfsplänen im Geheimen Staatsarchiv Berlin handelte es sich um ein sogenanntes Einheitsfort, den damaligen Standardtyp für Festungsbauten im Deutschen Reich. Einzelheiten zum Bau und sogar zum leitenden Bauingenieur überlieferte der Stralsunder Museumgründer Rudolf Baier (1818-1907) in seiner Schrift Die Insel Rügen nach ihrer archaeologischen Bedeutung (Stralsund, 1896). Er berichtete von einem geologischen Objekt, welches 1880 beim Bau des Stralsund gegenüber gelegenen Forts Grahlhof im Lehmboden gefunden und von dem den Bau leitenden Ingenieuroffizier, Premierlieutnant John, dem Museum als Geschenk überwiesen wurde.

rahlhof, Insel Rügen. Rayon-Plan des Forts (Ausschnitt). Geheimes Staatsarchiv Berlin.

Grahlhof, Insel Rügen. Rayon-Plan des Forts (Ausschnitt). Geheimes Staatsarchiv Berlin.

Spuren der Firma DEUBAU im KDF-Seebad Prora

Auf der Baustelle der Kraft durch Freude Organisation in Prora auf Rügen arbeiteten zwischen 1938 und 1939 die acht größten Baufirmen der damaligen Zeit. Nach Grit Brosowski hatte jede Firma ein Bettenhaus zu errichten. Bisher war nicht bekannt, welche Firma die heute noch erhaltenen Blöcke 1-5 erbaut hat. Bei der Besichtigung des unterirdischen Versorgungstunnels, der sich durch den gesamten Baukomplex hindurchzieht, fand sich jetzt ein Hinweis. In Block 1 verwendete die Baufirma Schalbretter mit ihrem Firmenlogo DEUBAU, welches sich spiegelbildlich im Beton abzeichnete.

Prora KDF-Seebad, Insel Rügen. Abdruck eines Schalbretts der Firma DEUBAU.

Prora KDF-Seebad, Insel Rügen. Abdruck eines Schalbretts der Firma DEUBAU.

Berühmte Pferde, berühmte Reiter

Zwischen Volkshagen und Boldevitz liegt am Naturdenkmal Muttereiche ein Pferdefriedhof der Gutsherren von Boldevitz mit sechs Grabsteinen, von denen nur noch zwei lesbar sind. Der größere von beiden Steinen zeigt eine interessante Inschrift, die sich vermutlich auf die Völkerschlacht von Leipzig (16.-19.10.1813) bezieht:

MISS
LIEGT HIER BE
GRABEN IN MEH
REREN FELD
ZÜGEN HAT SIE
MICH TREU
GETRAGEN
IM FELDZUGE
1813 WARD SIE
SCHWER BLESSIRT

An berühmte Reiter, die zwischen 1927 und 1935 den Reitertod fanden, erinnert eine Bronzetafel im Park von Putbus. Die Inschrift lautet:

Es starben den Reitertod
im sportlichen Wettkampf
für Deutschland:
Friedrich Sigismund von Preussen Luzern 6. VII 1927
Carl Friedrich Freiherr von Langen-Parow Döberitz 2. VIII 1934
Axel Holst Berlin 2. I 1935

Putbus, Insel Rügen. Denkmal für tödlich verunglückte Reiter.

Putbus, Insel Rügen. Denkmal für tödlich verunglückte Reiter.

KDF-Gefolgschaftswohnungen in Binz

Im Archiv der unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises Vorpommern-Rügen befindet sich ein vom 30. November 1940 datierter Plan aus dem Büro der nationalsozialistischen „Bau- und Betreuungsgesellschaft der Deutschen Arbeitsfront“ mit der Überschrift: „KDF-Seebad Rügen, Gefolgschaftswohnungen in Binz“. In dem Dreieck zwischen Proraer-Chaussee, Dollahner Straße und Bahnhof ist eine mit Plätzen und Vorgärten gegliederte Anlage für 200 Wohneinheiten dargestellt. Die Planungen deuten darauf hin, dass die KDF-Organisation – vermutlich angesichts der militärischen Erfolge im Westfeldzug – auf eine Fortsetzung der Baumaßnahmen am Seebad in Prora hinarbeitete. Ein Vergleich mit der heutigen Bebauung in Binz zeigt jedoch, dass die Planungen nicht zur Ausführung kamen.

Binz, Insel Rügen. KDF-Seebad Prora. Geplante Gefolgschaftswohnungen.

Binz, Insel Rügen. KDF-Seebad Prora. Geplante Gefolgschaftswohnungen.

Grabschändung bei Sassnitz

Auf dem Weg von Lancken-Sassnitz zum Baumhaus Buddenhagen liegt in einer Wiese ein unbekanntes und in keiner Fachliteratur erwähntes Großsteingrab. Im Jahr 2000 hob ein Herbststurm mit dem Wurzelteller einer umgestürzten Buche den bisher verborgenen Deckstein an und gab auf dessen glatter Unterseite den Blick auf drei Schälchen von 6 cm Durchmesser frei. Das Geschenk aus der Vergangenheit war nur von kurzer Dauer. Wenig später verwüsteten Unbekannte das Grab. 2009 fiel der Deckstein auf den Hügel zurück.

Lancken-Sassnitz, Insel Rügen. Verwüstetes Großsteingrab.

Lancken-Sassnitz, Insel Rügen. Verwüstetes Großsteingrab. Im Wurzelteller ein Deckstein mit Schälchen.

Geologische Makrostrukturen

Durch die vom Amt für Geoinformation, Vermessungs- und Katasterwesen M-V bereitgestellten LiDAR-Daten (Light detection and ranging) ist es nun möglich geologische Strukuren in großen Zusammenhängen zu erfassen und zu verstehen. Besonders eindrucksvoll sind Makrostrukturen im Bereich von Trent im nordwestlichen Teil der Insel Rügen. Hier zeigt das LiDAR-Luftbild einen Schwarm von über zwanzig parallelen Linien, die sich, wie mit dem Lineal gezeichnet, über eine Länge von bis zu 15 km hinziehen. Der Winkel zur Ost-West-Richtung beträgt 56 Grad. Im Gelände sind die Strukturen aus der Bodenperspektive nicht oder nur schwach als leichte Wellen im Sandboden wahrnehmbar. Da die geologische Übersichtskarte im Raum von Trent Kiessand und Sand der Oser des Weichselglazials ausweist, gehen die beobachteten Strukturen vermutlich auf Abschmelzprozesse der letzten Eisbewegungen des Weichselgletschers zurück.

Trent, Insel Rügen. Eiszeitliche Makrostrukturen.

Trent, Insel Rügen. Eiszeitliche Makrostrukturen.

Trent, Insel Rügen. Eiszeitliche Makrostrukturen.

Trent, Insel Rügen. Eiszeitliche Makrostrukturen.

Der fürstliche Spalierobstgarten in Putbus

Nach der Beschreibung des fürstlichen Treibgärtners D. Zoch im Gartenmagazin: Der praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau vom 20. Januar 1895 hatte der Obstgarten in Putbus über 80 Birnen- und Apfelspaliere, sowie Anpflanzungen mit Pfirsichen, Aprikosen und Schattenmorellen. Viele der Sorten, wie Belle des Abrés oder Hardenponts Leckerbissen, sind im Obstangebot unserer Zeit nicht mehr präsent; nur Williams gute Christbirne kommt einem noch bekannt vor. Bei Pflegearbeiten, die Mitarbeiter des Biospärenreservats in den letzten Jahren im östlichen Parkbereich durchführten, konnten verwilderte, knorrige Relikte von den alten Obstspalieren freigeschnitten werden.

Putbus, Insel Rügen. Obstspalier nach D. Zoch, 1895.

Putbus, Insel Rügen. Obstspalier nach D. Zoch, 1895.

Putbus, Insel Rügen. Rest eines alten Spalierobstbaums im Schlosspark.

Putbus, Insel Rügen. Rest eines alten Spalierobstbaums im Schlosspark.