Greifbare Zeit

Archäologie und Denkmalpflege auf der Insel Rügen

Fort Grahlhof

An das Ende des 19. Jahrhunderts oberhalb der Grahler Fähre errichtete preußische Fort Grahlhof erinnert heute nur noch das Wallmeisterhaus, denn nach der Aufgabe ließ der Käufer des Grundstücks die Gräben und Wälle vollständig einebnen. Nach Entwurfsplänen im Geheimen Staatsarchiv Berlin handelte es sich um ein sogenanntes Einheitsfort, den damaligen Standardtyp für Festungsbauten im Deutschen Reich. Einzelheiten zum Bau und sogar zum leitenden Bauingenieur überlieferte der Stralsunder Museumgründer Rudolf Baier (1818-1907) in seiner Schrift Die Insel Rügen nach ihrer archaeologischen Bedeutung (Stralsund, 1896). Er berichtete von einem geologischen Objekt, welches 1880 beim Bau des Stralsund gegenüber gelegenen Forts Grahlhof im Lehmboden gefunden und von dem den Bau leitenden Ingenieuroffizier, Premierlieutnant John, dem Museum als Geschenk überwiesen wurde.

rahlhof, Insel Rügen. Rayon-Plan des Forts (Ausschnitt). Geheimes Staatsarchiv Berlin.

Grahlhof, Insel Rügen. Rayon-Plan des Forts (Ausschnitt). Geheimes Staatsarchiv Berlin.

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Spuren der Firma DEUBAU im KDF-Seebad Prora

Auf der Baustelle der Kraft durch Freude Organisation in Prora auf Rügen arbeiteten zwischen 1938 und 1939 die acht größten Baufirmen der damaligen Zeit. Nach Grit Brosowski hatte jede Firma ein Bettenhaus zu errichten. Bisher war nicht bekannt, welche Firma die heute noch erhaltenen Blöcke 1-5 erbaut hat. Bei der Besichtigung des unterirdischen Versorgungstunnels, der sich durch den gesamten Baukomplex hindurchzieht, fand sich jetzt ein Hinweis. In Block 1 verwendete die Baufirma Schalbretter mit ihrem Firmenlogo DEUBAU, welches sich spiegelbildlich im Beton abzeichnete.

Prora KDF-Seebad, Insel Rügen. Abdruck eines Schalbretts der Firma DEUBAU.

Prora KDF-Seebad, Insel Rügen. Abdruck eines Schalbretts der Firma DEUBAU.

Berühmte Pferde, berühmte Reiter

Zwischen Volkshagen und Boldevitz liegt am Naturdenkmal Muttereiche ein Pferdefriedhof der Gutsherren von Boldevitz mit sechs Grabsteinen, von denen nur noch zwei lesbar sind. Der größere von beiden Steinen zeigt eine interessante Inschrift, die sich vermutlich auf die Völkerschlacht von Leipzig (16.-19.10.1813) bezieht:

MISS
LIEGT HIER BE
GRABEN IN MEH
REREN FELD
ZÜGEN HAT SIE
MICH TREU
GETRAGEN
IM FELDZUGE
1813 WARD SIE
SCHWER BLESSIRT

An berühmte Reiter, die zwischen 1927 und 1935 den Reitertod fanden, erinnert eine Bronzetafel im Park von Putbus. Die Inschrift lautet:

Es starben den Reitertod
im sportlichen Wettkampf
für Deutschland:
Friedrich Sigismund von Preussen Luzern 6. VII 1927
Carl Friedrich Freiherr von Langen-Parow Döberitz 2. VIII 1934
Axel Holst Berlin 2. I 1935

Putbus, Insel Rügen. Denkmal für tödlich verunglückte Reiter.

Putbus, Insel Rügen. Denkmal für tödlich verunglückte Reiter.

KDF-Gefolgschaftswohnungen in Binz

Im Archiv der unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises Vorpommern-Rügen befindet sich ein vom 30. November 1940 datierter Plan aus dem Büro der nationalsozialistischen „Bau- und Betreuungsgesellschaft der Deutschen Arbeitsfront“ mit der Überschrift: „KDF-Seebad Rügen, Gefolgschaftswohnungen in Binz“. In dem Dreieck zwischen Proraer-Chaussee, Dollahner Straße und Bahnhof ist eine mit Plätzen und Vorgärten gegliederte Anlage für 200 Wohneinheiten dargestellt. Die Planungen deuten darauf hin, dass die KDF-Organisation – vermutlich angesichts der militärischen Erfolge im Westfeldzug – auf eine Fortsetzung der Baumaßnahmen am Seebad in Prora hinarbeitete. Ein Vergleich mit der heutigen Bebauung in Binz zeigt jedoch, dass die Planungen nicht zur Ausführung kamen.

Binz, Insel Rügen. KDF-Seebad Prora. Geplante Gefolgschaftswohnungen.

Binz, Insel Rügen. KDF-Seebad Prora. Geplante Gefolgschaftswohnungen.

Grabschändung bei Sassnitz

Auf dem Weg von Lancken-Sassnitz zum Baumhaus Buddenhagen liegt in einer Wiese ein unbekanntes und in keiner Fachliteratur erwähntes Großsteingrab. Im Jahr 2000 hebt ein Herbststurm mit dem Wurzelteller einer umgestürzten Buche den bisher verborgenen Deckstein an und gibt auf dessen glatter Unterseite den Blick auf drei Schälchen von 6 cm Durchmesser frei. Das Geschenk aus der Vergangenheit ist nur von kurzer Dauer. Wenig später verwüsten Unbekannte das Grab. 2009 fällt der Deckstein auf den Hügel zurück.

Lancken-Sassnitz, Insel Rügen. Verwüstetes Großsteingrab.

Lancken-Sassnitz, Insel Rügen. Verwüstetes Großsteingrab. Im Wurzelteller ein Deckstein mit Schälchen.

Geologische Makrostrukturen

Durch die vom Amt für Geoinformation, Vermessungs- und Katasterwesen M-V bereitgestellten LiDAR-Daten (Light detection and ranging) ist es nun möglich geologische Strukuren in großen Zusammenhängen zu erfassen und zu verstehen. Besonders eindrucksvoll sind Makrostrukturen im Bereich von Trent im nordwestlichen Teil der Insel Rügen. Hier zeigt das LiDAR-Luftbild einen Schwarm von über zwanzig parallelen Linien, die sich, wie mit dem Lineal gezeichnet, über eine Länge von bis zu 15 km hinziehen. Der Winkel zur Ost-West-Richtung beträgt 56 Grad. Im Gelände sind die Strukturen aus der Bodenperspektive nicht oder nur schwach als leichte Wellen im Sandboden wahrnehmbar. Da die geologische Übersichtskarte im Raum von Trent Kiessand und Sand der Oser des Weichselglazials ausweist, gehen die beobachteten Strukturen vermutlich auf Abschmelzprozesse der letzten Eisbewegungen des Weichselgletschers zurück.

Trent, Insel Rügen. Eiszeitliche Makrostrukturen.

Trent, Insel Rügen. Eiszeitliche Makrostrukturen.

Trent, Insel Rügen. Eiszeitliche Makrostrukturen.

Trent, Insel Rügen. Eiszeitliche Makrostrukturen.

Der fürstliche Spalierobstgarten in Putbus

Nach der Beschreibung des fürstlichen Treibgärtners D. Zoch im Gartenmagazin: Der praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau vom 20. Januar 1895 hatte der Obstgarten in Putbus über 80 Birnen- und Apfelspaliere, sowie Anpflanzungen mit Pfirsichen, Aprikosen und Schattenmorellen. Viele der Sorten, wie Belle des Abrés oder Hardenponts Leckerbissen, sind im Obstangebot unserer Zeit nicht mehr präsent; nur Williams gute Christbirne kommt einem noch bekannt vor. Bei Pflegearbeiten, die Mitarbeiter des Biospärenreservats in den letzten Jahren im östlichen Parkbereich durchführten, konnten verwilderte, knorrige Relikte von den alten Obstspalieren freigeschnitten werden.

Putbus, Insel Rügen. Obstspalier nach D. Zoch, 1895.

Putbus, Insel Rügen. Obstspalier nach D. Zoch, 1895.

Putbus, Insel Rügen. Rest eines alten Spalierobstbaums im Schlosspark.

Putbus, Insel Rügen. Rest eines alten Spalierobstbaums im Schlosspark.

Utkiek im Park

Zur Ausstattung der Landschaftsparks auf der Insel Rügen gehören künstliche Aufschüttungen oder natürliche Anhöhen, sogenannte Utkieks, von denen aus weite Ausblicke in die freie Landschaft möglich sind. Man findet sie zum Beispiel in Boldevitz, Poggenhof, Poppelvitz auf Zudar und in Tetzitz. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel liegt in der südöstlichen Ecke des Parks von Neuendorf in der Gemeinde Neuenkirchen. Es ist ein mächtiger, 4 m hoher, prähistorischer Grabhügel, den auch Friedrich von Hagenow in seiner Karte von 1829 verzeichnet. Vor dem Hügel umgrenzt ein schmiedeeiserner Zaun die Grabstätte der Gutsherren von Neuendorf. Es finden sich Namen aus den Adelsgeschlechtern von Platen und von Richter.

Neuendorf, Insel Rügen. Vorgeschichtlicher Grabhügel und Grabanlage der Familien von Platen und von Richter.

Neuendorf, Insel Rügen. Vorgeschichtlicher Grabhügel und Grabanlage der Familien von Platen und von Richter.

Das längste Hünenbett Rügens

In der Schrift, Die Insel Rügen nach ihrer archäologischen Bedeutung, Stralsund 1886, beschrieb Rudolf Baier ein Hünenbett aus der Jungsteinzeit mit der ungewöhnlichen Länge von 73 m und einer Breite von 6,50 m bei der Waldhalle nördlich von Sassnitz. An der südwestlichen Schmalseite soll es von vier, einen halben Meter aus dem Boden herausragenden Findlingen und an den Langseiten von kleineren Steinen eingefasst gewesen sein. Die ganze Oberfläche war der Beschreibung zufolge mit kopfgroßen Rollsteinen gepflastert. Da das Grab später weder Ernst Sprockhoff, noch Ewald Schuldt oder ein anderer Bearbeiter der mittelneolithischen Großsteingräber erwähnte, erschien es angebracht, die Angaben von Rudolf Baier im Gelände zu überprüfen. Im Januar 2015 entdeckte ich tatsächlich ein Objekt in der Nähe der Waldhalle, auf das die Angaben zutrafen. Da den Hügel in der Mitte ein Waldweg durchschnitt und die Steine von Steinschlägern entfernt worden waren, war es nicht auf den ersten Blick erkennbar.

Insel Rügen. Länge (blau) und Breite (rot) der Hünenbetten.

Insel Rügen. Länge (blau) und Breite (rot) der Hünenbetten.

Wer denkt noch an Dr. Hugo Sholto Graf von Douglas?

Einige der Gutsherren des 19. und 20. Jahrhunderts wählten ihre letzte Ruhestätte nicht auf dem Friedhof, sondern in der Nähe ihres Wohnortes. Nordwestlich des Festspielgeländes von Ralswiek entdeckte ich 2007 das völlig verfallene Grab des Großindustriellen Dr. Hugo Sholto Oskar Georg Graf von Douglas (1837-1912), dem Erbauer des Schlosses, des Parks und der skandinavischen Stabkirche in Ralswiek auf der Insel Rügen.
Im dichten Unterholz zeichnet sich ein quadratischer, mit Ilex gesäumter, ca. 20 m breiter Platz ab, der mit einem eisernen Gitter verschlossen ist. Am Ende erhebt sich auf einem Sockel ein Kreuz aus rotem Granit. Davor liegt ein umgefallenes Kreuz mit der Grabinschrift. Die unterirdische Gruft ist eingebrochen und mit Schutt gefüllt.

Ralswiek, Insel Rügen. Grabanlage von  Hugo Sholto Oskar Georg Graf von Douglas.

Ralswiek, Insel Rügen. Grabanlage von Hugo Sholto Graf von Douglas.