Greifbare Zeit

Archäologie und Denkmalpflege auf der Insel Rügen

Kategorie-Archiv: Geschichte und Archäologie

Der Burgwall von Sagard

Der Burgwall von Sagard liegt abseits des Ortes in einer schwer zugänglichen Kleingartenanlage. Vom Boden aus sind die im Mittelalter eingeebneten Wälle kaum zu erkennen. Erst im digitalen Geländemodell, das seit 2010 öffentlich zur Verfügung steht, zeigt sich das ehemalige Befestigungswerk als ein geschlossener Wallring mit einer schwachen Erhebung in der Mitte. Das Dreieck des Sagarder Bachs und eines vom Goldberg kommenden Grabens nutzten die Erbauer zum Schutz der Nord-, West- und Südflanke. Die durch Gewässer ungeschützte Ostseite erhielt eine Verstärkung des Wallaufbaus, die im digitalen Geländemodell deutlich ablesbar ist. Gegenstände, mit denen das Alter der Anlage bestimmt werden könnte, fand man bislang nicht. Vermutlich stammt die Burg aus der Slawenzeit. Das Dorf Sagard, das das slawische Wort für Burg im Ortsnamen enthält, entstand abseits und ohne erkennbare Raumbeziehung zum Wall am Beginn des 13. Jahrhunderts um den Kirchhof und die drei Marktplätze. Ein weiterer Siedlungsansatz ist entlang der Kapeller Straße festzustellen. Die regelmäßige Anordnung der Straßen in den Quartieren südlich der Kirche könnte auf eine planmäßige Ortsgründung hinweisen.

Sagard, Insel Rügen. Lage des Burgwalls.

Sagard, Insel Rügen. Lage des Burgwalls.

Sagard, Insel Rügen. Ansicht des Burgwalls von Osten.

Sagard, Insel Rügen. Ansicht des Burgwalls von Osten.

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Fort Grahlhof

An das Ende des 19. Jahrhunderts oberhalb der Grahler Fähre errichtete preußische Fort Grahlhof erinnert heute nur noch das Wallmeisterhaus, denn nach der Aufgabe ließ der Käufer des Grundstücks die Gräben und Wälle vollständig einebnen. Nach Entwurfsplänen im Geheimen Staatsarchiv Berlin handelte es sich um ein sogenanntes Einheitsfort, den damaligen Standardtyp für Festungsbauten im Deutschen Reich. Einzelheiten zum Bau und sogar zum leitenden Bauingenieur überlieferte der Stralsunder Museumgründer Rudolf Baier (1818-1907) in seiner Schrift Die Insel Rügen nach ihrer archaeologischen Bedeutung (Stralsund, 1896). Er berichtete von einem geologischen Objekt, welches 1880 beim Bau des Stralsund gegenüber gelegenen Forts Grahlhof im Lehmboden gefunden und von dem den Bau leitenden Ingenieuroffizier, Premierlieutnant John, dem Museum als Geschenk überwiesen wurde.

rahlhof, Insel Rügen. Rayon-Plan des Forts (Ausschnitt). Geheimes Staatsarchiv Berlin.

Grahlhof, Insel Rügen. Rayon-Plan des Forts (Ausschnitt). Geheimes Staatsarchiv Berlin.

Berühmte Pferde, berühmte Reiter

Zwischen Volkshagen und Boldevitz liegt am Naturdenkmal Muttereiche ein Pferdefriedhof der Gutsherren von Boldevitz mit sechs Grabsteinen, von denen nur noch zwei lesbar sind. Der größere von beiden Steinen zeigt eine interessante Inschrift, die sich vermutlich auf die Völkerschlacht von Leipzig (16.-19.10.1813) bezieht:

MISS
LIEGT HIER BE
GRABEN IN MEH
REREN FELD
ZÜGEN HAT SIE
MICH TREU
GETRAGEN
IM FELDZUGE
1813 WARD SIE
SCHWER BLESSIRT

An berühmte Reiter, die zwischen 1927 und 1935 den Reitertod fanden, erinnert eine Bronzetafel im Park von Putbus. Die Inschrift lautet:

Es starben den Reitertod
im sportlichen Wettkampf
für Deutschland:
Friedrich Sigismund von Preussen Luzern 6. VII 1927
Carl Friedrich Freiherr von Langen-Parow Döberitz 2. VIII 1934
Axel Holst Berlin 2. I 1935

Putbus, Insel Rügen. Denkmal für tödlich verunglückte Reiter.

Putbus, Insel Rügen. Denkmal für tödlich verunglückte Reiter.

Grabschändung bei Sassnitz

Auf dem Weg von Lancken-Sassnitz zum Baumhaus Buddenhagen liegt in einer Wiese ein unbekanntes und in keiner Fachliteratur erwähntes Großsteingrab. Im Jahr 2000 hob ein Herbststurm mit dem Wurzelteller einer umgestürzten Buche den bisher verborgenen Deckstein an und gab auf dessen glatter Unterseite den Blick auf drei Schälchen von 6 cm Durchmesser frei. Das Geschenk aus der Vergangenheit war nur von kurzer Dauer. Wenig später verwüsteten Unbekannte das Grab. 2009 fiel der Deckstein auf den Hügel zurück.

Lancken-Sassnitz, Insel Rügen. Verwüstetes Großsteingrab.

Lancken-Sassnitz, Insel Rügen. Verwüstetes Großsteingrab. Im Wurzelteller ein Deckstein mit Schälchen.

Utkiek im Park

Zur Ausstattung der Landschaftsparks auf der Insel Rügen gehören künstliche Aufschüttungen oder natürliche Anhöhen, sogenannte Utkieks, von denen aus weite Ausblicke in die freie Landschaft möglich sind. Man findet sie zum Beispiel in Boldevitz, Poggenhof, Poppelvitz auf Zudar und in Tetzitz. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel liegt in der südöstlichen Ecke des Parks von Neuendorf in der Gemeinde Neuenkirchen. Es ist ein mächtiger, 4 m hoher, prähistorischer Grabhügel, den auch Friedrich von Hagenow in seiner Karte von 1829 verzeichnet. Vor dem Hügel umgrenzt ein schmiedeeiserner Zaun die Grabstätte der Gutsherren von Neuendorf. Es finden sich Namen aus den Adelsgeschlechtern von Platen und von Richter.

Neuendorf, Insel Rügen. Vorgeschichtlicher Grabhügel und Grabanlage der Familien von Platen und von Richter.

Neuendorf, Insel Rügen. Vorgeschichtlicher Grabhügel und Grabanlage der Familien von Platen und von Richter.

Das längste Hünenbett Rügens

In der Schrift, Die Insel Rügen nach ihrer archäologischen Bedeutung, Stralsund 1886, beschrieb Rudolf Baier ein Hünenbett aus der Jungsteinzeit mit der ungewöhnlichen Länge von 73 m und einer Breite von 6,50 m bei der Waldhalle nördlich von Sassnitz. An der südwestlichen Schmalseite soll es von vier, einen halben Meter aus dem Boden herausragenden Findlingen und an den Langseiten von kleineren Steinen eingefasst gewesen sein. Die ganze Oberfläche war der Beschreibung zufolge mit kopfgroßen Rollsteinen gepflastert. Da das Grab später weder Ernst Sprockhoff, noch Ewald Schuldt oder ein anderer Bearbeiter der mittelneolithischen Großsteingräber erwähnte, erschien es angebracht, die Angaben von Rudolf Baier im Gelände zu überprüfen. Im Januar 2015 entdeckte ich tatsächlich ein Objekt in der Nähe der Waldhalle, auf das die Angaben zutrafen. Da den Hügel in der Mitte ein Waldweg durchschnitt und die Steine von Steinschlägern entfernt worden waren, war es nicht auf den ersten Blick erkennbar.

Insel Rügen. Länge (blau) und Breite (rot) der Hünenbetten.

Insel Rügen. Länge (blau) und Breite (rot) der Hünenbetten.

Wer denkt noch an Dr. Hugo Sholto Graf von Douglas?

Einige der Gutsherren des 19. und 20. Jahrhunderts wählten ihre letzte Ruhestätte nicht auf dem Friedhof, sondern in der Nähe ihres Wohnortes. Nordwestlich des Festspielgeländes von Ralswiek entdeckte ich 2007 das völlig verfallene Grab des Großindustriellen Dr. Hugo Sholto Oskar Georg Graf von Douglas (1837-1912), dem Erbauer des Schlosses, des Parks und der skandinavischen Stabkirche in Ralswiek auf der Insel Rügen.
Im dichten Unterholz zeichnet sich ein quadratischer, mit Ilex gesäumter, ca. 20 m breiter Platz ab, der mit einem eisernen Gitter verschlossen ist. Am Ende erhebt sich auf einem Sockel ein Kreuz aus rotem Granit. Davor liegt ein umgefallenes Kreuz mit der Grabinschrift. Die unterirdische Gruft ist eingebrochen und mit Schutt gefüllt.

Ralswiek, Insel Rügen. Grabanlage von  Hugo Sholto Oskar Georg Graf von Douglas.

Ralswiek, Insel Rügen. Grabanlage von Hugo Sholto Graf von Douglas.

Rekonstruktionsversuch des Großdolmens von Hagen

In meinem Beitrag vom 5. August 2013 habe ich das Schicksal des Großsteingrabs von Hagen (Gemarkung Prora, Gemeinde Binz) als Steinbruch für Heldendenkmale in Binz, Putbus und Zirkow beschrieben. Der damals noch unbekannte Verbleib des Kaiser-Wilhelm-Denkmals in Binz, zu dem nach W. Hansen (W. Hansen, Mannus 25, 1933, 337-352) der Deckstein des Großdolmens umgearbeitet worden ist, konnte jetzt aufgeklärt werden. In der Ortschronik, die vor dem Kurhaus von Binz in einer Schautafel ausgehängt ist, findet sich für das Jahr 1913 folgender Eintrag: „… Das Kaiserdenkmal (Ecke Putbuserstraße-Strandpromenade) wird für 25 Regierungsjahre Wilhelm II. eingeweiht. Heute ist es ein Gedenkstein mit der Inschrift Seebad 1884„. Der bei W. Hansen publizierte Grundriss erlaubt nun eine Rekonstruktion des Großdolmens.

Hagen, Insel Rügen. Rekonstruktionsversuch des zwischen 1896 und 1926 zerstörten Großdolmens. Grundriss nach W. Hansen, 1933.

Hagen, Insel Rügen. Rekonstruktionsversuch des zwischen 1896 und 1926 zerstörten Großdolmens.

Staub von den Geschützen abklopfen

Ein einzigartiges Dokument aus der preußischen Nutzungszeit der Prosnitzer Schanze südlich von Gustow auf Rügen befindet sich im Ernst-Moritz-Arndt-Museum von Garz. Das mit Instruktion für den Wärter der Prosnitzer Schanze betreffs des in Prosnitz niedergelegten Artillerie-Materials überschriebene Heftchen umfasst neun Paragraphen mit Anweisungen. Sie reichen vom Verhalten im Fall eines Einbruchs, bis hin zum regelmäßigen Nachzählen und Abstauben der Geschütze.

Garz, Ernst-Moritz-Arndt Museum. Instruktion für den Wärter der Prosnitzer Schanze. 1864.

Garz, Ernst-Moritz-Arndt Museum. Instruktion für den Wärter der Prosnitzer Schanze. 1864.

Celtic-fields bei Putbus

Pastitz-Forst, Insel Rügen. Celtic-fields. Rechts oben die Bahnlinie Putbus-Bergen.

Pastitz-Forst, Insel Rügen. Celtic-fields. Rechts oben die Bahnlinie Putbus-Bergen.

Durch die Bereitstellung von digitalen Geländemodellen durch das Amt für Geoinformation, Vermessungs- und Katasterwesen Mecklenburg-Vorpommern ist es nun möglich, bisher unzugängliche Waldgebiete nach Strukturen aus vor- und frühgeschichtlicher Zeit zu durchsuchen. In den Karten finden sich nicht nur Grabhügel, Großsteingräber, Burgwälle und Schwedenschanzen, sondern auch vorgeschichtliche Flurrelikte, die nach Funden in Großbritannien in der Fachsprache als celtic-fields bezeichnet werden. Ein Gebiet von über 1000 Quadratmetern Größe liegt im Wald zwischen Putbus und Bergen. Nach einer Aufbereitung des digitalen Kartenausschnitts mit der Software GIMP konnten die verschachtelten Felder sichtbar gemacht werden.