Greifbare Zeit

Archäologie und Denkmalpflege auf der Insel Rügen

Kategorie-Archiv: Geschichte und Archäologie

Wo lagen die Gräber von Prisvitz und Strüßendorf?

Friedrich von Hagenow kartierte 1829 in seiner Spezial-Charte nur wenige Großsteingräber aus der Jungsteinzeit westlich der Stadt Bergen auf Rügen. Eine Stelle befand sich 500 m westlich von Prisvitz. Nach einer Skizze im Nachlass des Forschers lagen an der Einmündung des Stichwegs von Prisvitz in den Landweg Bergen-Jasmund ein langes, schmales Hünenbett mit 20 Seitensteinen, ein kurzes Objekt mit vier Seitensteinen und drei Rundhügel mit Steinkranz. Auf dem Wirzler-Berg bei Strüßendorf verortete F. von Hagenow eine weitere Nekropole aus zwei Grabhügeln und einem Großsteingrab. Diese Gräber kannte auch das Preußische Urmesstischblatt von 1836. Ein weiteres Grab lag am Weg von Strüßendorf nach Patzig. Bis auf Relikte eines Rundhügels der Prisvitzer Gruppe verschwanden die Gräber im Laufe des 19. Jahrhunderts und nur noch wenige Steinblöcke am Feldrand erinnern an sie. Literatur: H. Berlekamp, Nachrichten über zerstörte Großsteingräber der Insel Rügen. Greifswald-Stralsunder Jahrbuch 2, 1962, 9-15.

Prisvitz, Insel Rügen. Vorgeschichtliche Grabanlagen nach F. von Hagenow.

Prisvitz, Insel Rügen. Vorgeschichtliche Grabanlagen nach F. von Hagenow.

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Ein kleines Wirtschaftswunder

Die Entdeckung von Kreidelagerstätten führte im 19. Jahrhundert zu einem kleinen Wirtschaftswunder im Raum Garz. Bei Altkamp, Dumsevitz und Preseke entstanden Schlämmkreidefabriken. Wirtschaftsbahnen und Frachtschiffe beförderten die im Tagebau oder im Nassbaggerverfahren geförderte Kreide zu den Zementfabriken im Odermündungsgebiet. Die Betriebsanlagen sind im Laufe der Zeit alle verschwunden, bis auf eine kleine Betonbrücke bei Dumsevitz. Sie wurde 2016 unter Denkmalschutz gestellt.

Dumsevitz, Insel Rügen. Schlämmkreidefabriken des 19. Jahrhunderts im Raum Garz.

Dumsevitz, Insel Rügen. Schlämmkreidefabriken des 19. Jahrhunderts im Raum Garz.

Dumsevitz, Insel Rügen. Brücke der Kreidebahn über die Beek.

Dumsevitz, Insel Rügen. Brücke der Kreidebahn über die Beek.

Wo lag die NS-Fabrik „Herta“?

In dem Dokument F321, einem 1945 vom Französischen Büro des Informationsdienstes für Kriegsverbrechen herausgegebenen Beweisstück für den Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg, findet sich in der Liste der Lager, Kommandos und Gefängnisse auf der Insel Rügen ein einziger Eintrag: Herta, unterirdische Produktionsstätte. Bei der Bezeichnung handelt es sich um einen an die Herta-Burg bei Sassnitz angelehnten NS-Tarnnamen. Von der NS-Fabrik fehlte bislang jede Spur. Erst aktuelle Luftbilder des Landesamtes für innere Verwaltung Mecklenburg-Vorpommern zeigen im Wald bei Dreschvitz Strukturen, die denen im Sperrwaffenarsenal Tilzow ähneln und militärischen Ursprungs sein könnten. Sie finden sich auf einer Fläche von ca. 100 ha. Die zentrale Achse bildet eine 1,2 km lange, teils als Damm, teils als flacher Graben ausgebildete Trasse (Schmalspurbahn?, Feldbahn?), von der Stichwege zu rechteckigen Gebäudefundamenten abzweigen. Die Grundrisse bestehen entweder aus einer Doppelreihe von Punktfundamenten mit runden Aussparungen für Pfähle, oder aus einem Streifenfundament. Im Gegensatz zum Sperrwaffenarsenal Tilzow sind es keine Bunker, sondern Leichtbauten. Im Süden des Areals liegt ein schmales, langgestrecktes Fundament (5 m x 60 m). Mehrere kreisrunde Sprengtrichter zeugen von einer gewaltsamen Zerstörung. Die Zufahrt erfolgt über eine Betonplattenstraße, die bei der Siedlung „Baustelle“ beginnt. Da es sich um typische Bauten der NS-Zeit im Heimatstil handelt, könnten sie gleichzeitig mit dem Militärkomplex entstanden sein. Die im Wald kartierten Relikte liegen verstreut und zum Teil ohne ersichtlichen Zusammenhang. Das deutet darauf hin, dass die Anlage unvollendet blieb. Ein Zusammenhang mit der NS-Fabrik Herta ist beim derzeigen Stand der Erkundung wahrscheinlich, aber nicht zu beweisen.

Dreschvitz, Insel Rügen. Unbekanntes NS-Militärobjekt.

Dreschvitz, Insel Rügen. Unbekanntes NS-Militärobjekt.


Dreschvitz, Insel Rügen. Betonfundamente.

Dreschvitz, Insel Rügen. Betonfundamente.

Burgwall Bietegast

Im frühen Mittelalter errichtete die slawische Bevölkerung der Insel Rügen mächtige Wallburgen, um sich und ihre Götterbilder vor Feinden zu schützen. Die Wahl des Bauplatzes richtete sich häufig nach geographischen Vorteilslagen. Gewässer, Sümpfe und Steilküsten boten ausgezeichnete Deckung, so dass künstliche Wälle in den geschützten Abschnitten reduziert oder sogar eingespart werden konnten. Einzigartig in der Ausnutzung natürlicher Synergien war der Burgwall Bietegast 3 km nördlich von Garz. Hier bildete ein Os aus dem Weichselglazial den Abschnittswall einer 2 ha großen Halbinsel im Kniepower-See.

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Bietegast, Insel Rügen. Der Burgwall im System von Oberflächenstrukturen des Weichselglazials. Die Karte entstand unter Verwendung des freien geographischen Informationssystems QGIS.

Mineralwasser für den Krieg

In dem Soldatenmagazin Der Krieg in Wort und Bild 1914/17 schaltete Johannes von Maltzan aus Penzlin mehrmals eine Anzeige für sein Tafelwasser aus der Hertha-Quelle von der Insel Rügen. Edmund Edel, der renommierte Berliner Illustrator und Gebrauchsgrafiker, schuf ein Werbeplakat. Um das zu seinem Besitz gehörige Gut Rosengarten zu einem Kur- und Badebetrieb zu entwickeln, hatte er auf Rügen Bohrungen durchführen lassen und war 1000 m südöstlich des Gutes auf Mineralwasser gestoßen. Eine Postkarte aus der Zeit zeigt die kräftig sprudelnde Quelle und ein Gebäude, in dem sich die Abfüllanlage befand. Heute sind von dem Betriebsgebäude nur noch die Grundmauern erkennbar. Die Quelle selbst ist aus Sicherheitsgründen mit Betonringen eingefasst und abgedeckt. Der Abfluss verläuft durch ein Rohr und mündet nach 100 m in einem Gehölz in die Rosengartener Beek.

Rosengarten, Insel Rügen. Hertha-Quelle. 1 Quellfassung; 2 Fundamente des Betriebsgebäudes; 3 Austritt der Quelle.

Rosengarten, Insel Rügen. Hertha-Quelle. 1 Quellfassung; 2 Fundamente des Betriebsgebäudes; 3 Austritt der Quelle.


Rosengarten, Insel Rügen. Hertha-Quelle.

Rosengarten, Insel Rügen. Hertha-Quelle.

Bronzezeitlicher Grabhügel oder neolithischer Langhügel

An der Kreisstraße 5 zwischen Venz und Neuendorf liegt vor der prächtigen Kulisse der Neuendorfer Wiek ein einzelner Grabhügel aus prähistorischer Zeit. Am 22. April 2016 habe ich mir Zeit genommen und den Hügel genauer untersucht. Von der Straße her kommend erscheint der Umriss zunächst als gleichmäßiger Kegel, wie man es von bronzezeitlichen Hügelgräbern her kennt. Erst beim Weitergehen ist festzustellen, dass es sich um eine längliche Anlage handelt, die von Süden nach Norden pultartig ansteigt (Länge 27 m; Breite 16 m). Die Auswertung der vor Ort mit dem GPS vorgenommenen Höhenmessungen mit der Rastergeländeanalyse-Erweiterung des freien Geoinformationssystems QGIS legt nahe, dass der Befund den Erdkern eines der Steine beraubten Hünenbetts darstellt. Dies wäre der erste Nachweis eines neolithischen Langhügels der Trichterbecherkultur im westlichen Inselteil von Rügen.

Venz/Neuendorf, Insel Rügen. Langhügel. Höhenschichtenplan und Ansichten.

Venz/Neuendorf, Insel Rügen. Langhügel. Höhenmodell und Ansichten.

Der Burgwall von Sagard

Der Burgwall von Sagard liegt abseits des Ortes in einer schwer zugänglichen Kleingartenanlage. Vom Boden aus sind die im Mittelalter eingeebneten Wälle kaum zu erkennen. Erst im digitalen Geländemodell, das seit 2010 öffentlich zur Verfügung steht, zeigt sich das ehemalige Befestigungswerk als ein geschlossener Wallring mit einer schwachen Erhebung in der Mitte. Das Dreieck des Sagarder Bachs und eines vom Goldberg kommenden Grabens nutzten die Erbauer zum Schutz der Nord-, West- und Südflanke. Die durch Gewässer ungeschützte Ostseite erhielt eine Verstärkung des Wallaufbaus, die im digitalen Geländemodell deutlich ablesbar ist. Gegenstände, mit denen das Alter der Anlage bestimmt werden könnte, fand man bislang nicht. Vermutlich stammt die Burg aus der Slawenzeit. Das Dorf Sagard, das das slawische Wort für Burg im Ortsnamen enthält, entstand abseits und ohne erkennbare Raumbeziehung zum Wall am Beginn des 13. Jahrhunderts um den Kirchhof und die drei Marktplätze. Ein weiterer Siedlungsansatz ist entlang der Kapeller Straße festzustellen. Die regelmäßige Anordnung der Straßen in den Quartieren südlich der Kirche könnte auf eine planmäßige Ortsgründung hinweisen.

Sagard, Insel Rügen. Lage des Burgwalls.

Sagard, Insel Rügen. Lage des Burgwalls.

Sagard, Insel Rügen. Ansicht des Burgwalls von Osten.

Sagard, Insel Rügen. Ansicht des Burgwalls von Osten.

Fort Grahlhof

An das Ende des 19. Jahrhunderts oberhalb der Grahler Fähre errichtete preußische Fort Grahlhof erinnert heute nur noch das Wallmeisterhaus, denn nach der Aufgabe ließ der Käufer des Grundstücks die Gräben und Wälle vollständig einebnen. Nach Entwurfsplänen im Geheimen Staatsarchiv Berlin handelte es sich um ein sogenanntes Einheitsfort, den damaligen Standardtyp für Festungsbauten im Deutschen Reich. Einzelheiten zum Bau und sogar zum leitenden Bauingenieur überlieferte der Stralsunder Museumgründer Rudolf Baier (1818-1907) in seiner Schrift Die Insel Rügen nach ihrer archaeologischen Bedeutung (Stralsund, 1896). Er berichtete von einem geologischen Objekt, welches 1880 beim Bau des Stralsund gegenüber gelegenen Forts Grahlhof im Lehmboden gefunden und von dem den Bau leitenden Ingenieuroffizier, Premierlieutnant John, dem Museum als Geschenk überwiesen wurde.

rahlhof, Insel Rügen. Rayon-Plan des Forts (Ausschnitt). Geheimes Staatsarchiv Berlin.

Grahlhof, Insel Rügen. Rayon-Plan des Forts (Ausschnitt). Geheimes Staatsarchiv Berlin.

Berühmte Pferde, berühmte Reiter

Zwischen Volkshagen und Boldevitz liegt am Naturdenkmal Muttereiche ein Pferdefriedhof der Gutsherren von Boldevitz mit sechs Grabsteinen, von denen nur noch zwei lesbar sind. Der größere von beiden Steinen zeigt eine interessante Inschrift, die sich vermutlich auf die Völkerschlacht von Leipzig (16.-19.10.1813) bezieht:

MISS
LIEGT HIER BE
GRABEN IN MEH
REREN FELD
ZÜGEN HAT SIE
MICH TREU
GETRAGEN
IM FELDZUGE
1813 WARD SIE
SCHWER BLESSIRT

An berühmte Reiter, die zwischen 1927 und 1935 den Reitertod fanden, erinnert eine Bronzetafel im Park von Putbus. Die Inschrift lautet:

Es starben den Reitertod
im sportlichen Wettkampf
für Deutschland:
Friedrich Sigismund von Preussen Luzern 6. VII 1927
Carl Friedrich Freiherr von Langen-Parow Döberitz 2. VIII 1934
Axel Holst Berlin 2. I 1935

Putbus, Insel Rügen. Denkmal für tödlich verunglückte Reiter.

Putbus, Insel Rügen. Denkmal für tödlich verunglückte Reiter.

Grabschändung bei Sassnitz

Auf dem Weg von Lancken-Sassnitz zum Baumhaus Buddenhagen liegt in einer Wiese ein unbekanntes und in keiner Fachliteratur erwähntes Großsteingrab. Im Jahr 2000 hebt ein Herbststurm mit dem Wurzelteller einer umgestürzten Buche den bisher verborgenen Deckstein an und gibt auf dessen glatter Unterseite den Blick auf drei Schälchen von 6 cm Durchmesser frei. Das Geschenk aus der Vergangenheit ist nur von kurzer Dauer. Wenig später verwüsten Unbekannte das Grab. 2009 fällt der Deckstein auf den Hügel zurück.

Lancken-Sassnitz, Insel Rügen. Verwüstetes Großsteingrab.

Lancken-Sassnitz, Insel Rügen. Verwüstetes Großsteingrab. Im Wurzelteller ein Deckstein mit Schälchen.