Greifbare Zeit

Archäologie und Denkmalpflege auf der Insel Rügen

Wo lag die NS-Fabrik „Herta“?

In dem Dokument F321, einem 1945 vom Französischen Büro des Informationsdienstes für Kriegsverbrechen herausgegebenen Beweisstück für den Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg, findet sich in der Liste der Lager, Kommandos und Gefängnisse auf der Insel Rügen ein einziger Eintrag: Herta, unterirdische Produktionsstätte. Bei der Bezeichnung handelt es sich um einen an die Herta-Burg bei Sassnitz angelehnten NS-Tarnnamen. Von der NS-Fabrik fehlte bislang jede Spur. Erst aktuelle Luftbilder des Landesamtes für innere Verwaltung Mecklenburg-Vorpommern zeigen im Wald bei Dreschvitz Strukturen, die denen im Sperrwaffenarsenal Tilzow ähneln und militärischen Ursprungs sein könnten. Sie finden sich auf einer Fläche von ca. 100 ha. Die zentrale Achse bildet eine 1,2 km lange, teils als Damm, teils als flacher Graben ausgebildete Trasse (Schmalspurbahn?, Feldbahn?), von der Stichwege zu rechteckigen Gebäudefundamenten abzweigen. Die Grundrisse bestehen entweder aus einer Doppelreihe von Punktfundamenten mit runden Aussparungen für Pfähle, oder aus einem Streifenfundament. Im Gegensatz zum Sperrwaffenarsenal Tilzow sind es keine Bunker, sondern Leichtbauten. Im Süden des Areals liegt ein schmales, langgestrecktes Fundament (5 m x 60 m). Mehrere kreisrunde Sprengtrichter zeugen von einer gewaltsamen Zerstörung. Die Zufahrt erfolgt über eine Betonplattenstraße, die bei der Siedlung „Baustelle“ beginnt. Da es sich um typische Bauten der NS-Zeit im Heimatstil handelt, könnten sie gleichzeitig mit dem Militärkomplex entstanden sein. Die im Wald kartierten Relikte liegen verstreut und zum Teil ohne ersichtlichen Zusammenhang. Das deutet darauf hin, dass die Anlage unvollendet blieb. Ein Zusammenhang mit der NS-Fabrik Herta ist beim derzeigen Stand der Erkundung wahrscheinlich, aber nicht zu beweisen.

Dreschvitz, Insel Rügen. Unbekanntes NS-Militärobjekt.

Dreschvitz, Insel Rügen. Unbekanntes NS-Militärobjekt.


Dreschvitz, Insel Rügen. Betonfundamente.

Dreschvitz, Insel Rügen. Betonfundamente.

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