Greifbare Zeit

Archäologie und Denkmalpflege auf der Insel Rügen

Bäderarchitektur auf der Insel Rügen

Mit der „Franzosenzeit“ und der damit ausgelösten Entwicklung des Bewusstseins für Hygiene und Gesundheit um 1800 setzten sich auch in Deutschland namhafte Mediziner, so auch der Rostocker Professor Samuel Gottlieb Vogel für die Errichtung von Kurbädern am Meer ein.

Das Baden im Meer war damals etwas völlig Neues und nur schwer mit den hygienischen Gepflogenheiten und den prüden Moralvorstellungen der Zeit vereinbar. Örtliche Geschlechtertrennung, Badekostüme, Badekarren, Badehäuser und Badeboote waren daraus resultierende Erscheinungen. Das von den Ärzten geforderte Nacktbaden kam allenfalls auf entlegenen Stränden der Nordseeinseln und der Insel Hiddensee in Betracht. Badestellen an der Küste Rügens waren so ungewöhnlich, dass sie sogar auf den ersten topographischen Karten der Neuzeit, der „Spezial Charte“ von Friedrich von Hagenow aus dem Jahre 1829 und dem preußischen Urmesstischblatt von 1836 verzeichnet waren. Diesen Eintragungen von Badekarren und Badehäusern zufolge nahm der Badebetrieb auf Rügen am „Friedrich-Wilhelm-Bad“ in der „Goor“ südöstlich der Residenzstadt Putbus und beim Ort „Aalbeck“, einer später in Binz aufgegangenen Fischersiedlung zwischen Schmachter See und Prorer Wiek, seinen Anfang. Beide Zellen entwickelten sich unterschiedlich. Das Putbuser Bad blieb bis heute eine solitäre Einrichtung für „gehobene“ Gesellschaftsschichten, während sich Binz volkstümlicher zeigte und eine vielfältige Bautätigkeit entwickelte, aus der etwas später die für die Ostseeküste charakteristische „Bäderarchitektur“ hervorging.

1817 legte Fürst Wilhelm Malte von Putbus den Grundstein für das „Friedrich-Wilhelm-Bad“ als einem repräsentativen Badehaus mit Speisesaal, Salons, Zellen für Warmbäder, Logierzimmern und Wirtschaftsräumen. Die klassizistische Architektur mit der imposanten Schauseite aus 18 dorischen Säulen und auch die Inneneinrichtung mit marmornen Sitzbadewannen italienischer Provenienz nahm Bezug auf die Formensprache der klassischen Antike. Das ursprünglich aus mehreren Einzelgebäuden in Fachwerkbauweise zusammengesetzte Ensemble wurde durch eine einheitliche Blendfassade zu einem langrechteckigen, zweigeschossigen Backsteinbau zusammengefasst. Mit Ausnahme der Rückseite tragen die Außenwände flache Zierpilaster, zwischen denen die zumeist von Faschen umrahmten hochrechteckigen Fenster liegen. Unter dem Hauptgesims befindet sich an der Vorderseite und den Schmalseiten des Gebäudes ein Triglyphen-Fries. Die Kolonnade besitzt eine Kassettendecke. Das flache Dach ist hinter einer Attika verborgen.

Badehaus Goor bei Putbus, Rügen, während des Umbaus 2005.

Badehaus Goor bei Putbus, Rügen, während des Umbaus 2005.


Der Badebetrieb im „Friedrich-Wilhelm-Bad“ umfasste je nach Art des zu behandelnden Leidens eine Brunnenkur, ein Warmbad und das kalte Seebad im Freien. „Die zum Seebade sich einstellenden Kurgäste leiden nicht selten an Unterleibsbeschwerden, Verschleimung, Infarcten und anderen Übeln … Je nach Art des Übels hatte sich der Kranke vor der Seebadkur einer Brunnenkur zu unterziehen. Etwa 18-20 Krüge Mineralwasser (Eger-, Maria-, Kreuz- oder Carlsbader Neubrunnen) sollte der Gast neben Molken aller Art (z. B. Eselsmilch) trinken. Die notwendigen Wässerchen, die vom Badearzt Dr. Benedix verschrieben wurden, erhielt man bei dem Putbuser Apotheker Hiebendahl. Das Wasser musste nach und nach getrunken werden, etwa aller Viertelstunde ein Glas. Bei dem Trinken des Wassers und danach empfahl man langsames Bewegen auf der Allee, im Schlossgarten oder bei Regen in einem geräumigen Zimmer. Neben der Brunnenkur spielte das Seewasserbaden in den angeratenen sieben Wochen Aufenthalt eine besondere Rolle, denn zu diesem Zweck kamen nicht nur kranke Besucher. Nach allen Regeln der Ordnung verlief das Baden in den Kabinetten und im Rügischen Bodden. Für das Benutzen der Badezellen stellte der Badearzt eine Liste auf, welche die Reihenfolge der sich bei ihm gemeldeten Gäste festlegte. Der damalige Bademeister Schulze hängte die Tafel im Korridor aus und wies den jeweiligen Badenden die Badezimmer zu. Für einen Preis von 13 Silbergroschen durfte der Gast ein Kabinett zum Warmbad (auch Sturz-, Regen- oder Tropfbäder) eine Stunde lang nutzen. Den Wannenbädern gab man oft Schwefel, Kräuter oder Malz je nach Umständen zu. Für das kalte Seebaden, dessen Wirkung ärztlich genau untersucht wurde, bestanden Vorschriften zur Bekleidung und Trennung der Geschlechter.“

Der Badebetrieb in Binz war zunächst weniger mondän. Die Tatsache, dass auf der Hagenow’schen Karte (1829) zwischen den Badekarren und Badehäusern noch eine Heringspackerei verzeichnet ist, zeigt hier, anders als in Putbus, den Beginn einer allmählichen Entwicklung vom Fischer- zum Badeort. Das Interesse des Berliner Bürgertums an der Ostseeküste begann sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts auf die Küste Rügens und damit auch auf Binz auszudehnen. Im Jahre 1853 war Binz ein Straßendorf mit 150 Einwohnern, die sich auf 15 entlang der heutigen Bahnhofstraße stehende Häuser verteilten. Landwirtschaft und Fischerei bildeten die wirtschaftliche Grundlage. Der Dorfkrug reichte als einzige Unterkunft für die Urlauber bald nicht mehr aus. Die Binzer öffneten ihre Häuser den Gästen und erschlossen sich so eine Erweiterung ihrer spärlichen Erwerbsmöglichkeiten. Die Erdgeschosse der mit Schilf gedeckten Häuser mit Krüppelwalmdächern wurden in der Saison den Fremden überlassen, während die Einheimischen in den Sommermonaten in die zu diesem Zweck ausgebauten Dächer zogen. Nach und nach wurden die Häuser vergrößert und der Komfort verbessert. 1870 kamen 80 Gäste nach Binz und schon 1875 waren es mehr als 500. Das rapide Anwachsen des Fremdenverkehrs führte dazu, dass Umbau und Erweiterung bestehender Häuser den Bedarf an Beherbergungsmöglichkeiten nicht mehr decken konnten und so wurde 1882 eine planmäßige Ortserweiterung durch den damaligen Eigentümer des Landes, den Fürsten von Putbus, in Angriff genommen, die sich bis heute an dem schachbrettartigem Grundriss der Straßen ablesen lässt. Die überwiegende Zahl der Häuser entstand im Zeitraum zwischen 1890 und 1910. Nachdem 1892 die Eisenbahnstrecke Putbus-Sassnitz und die Kleinbahn Putbus-Göhren eröffnet wurden, erleichterte dies die Erreichbarkeit von Binz und den anderen Badeorten an der Ostküste erheblich. Darüber hinaus verbesserte der Bau von Landungsbrücken in Binz, Sellin und Göhren die verkehrstechnische Anbindung der Badeorte.

Während die Umbauten und Erweiterungen der alten Fischer und Bauernhäuser trotz zum Teil kunstvoll verzierter offener Holzveranden, die die ganze Hausbreite einnahmen, relativ bescheiden wirkten, entsprachen die Neubauten dem Repräsentationsbedürfnis ihrer auswärtigen Besitzer. Beeinflusst von klassizistischen Bauten in Putbus, Berliner Gründerzeitvillen und Schweizer Lungensanatorien entwickelte sich die sogenannte Bäderarchitektur, eine spezielle Ausformung des Eklektizismus, zu deren wesentlichen Merkmalen offene Balkone und Veranden aus Holz oder später Metall mit filigran ausgesägten Ornamenten vor massiven Fassaden gehörten. Eine vertikale Gliederung erfolgte durch Risalite und Türme, Gauben und sogar farbig ornamentierte Dachflächen. Da die Gebäude in der Regel nicht als Dauerwohnungen dienten und nur in den Sommermonaten genutzt wurden, wurden keine Anforderungen an Heizung und die heute so wichtige Wärmedämmung gestellt. Die Grundrisse der Gebäude zeigen ein einfaches Schema. Quer durch das Haus verlief ein schmaler, ca. 1,80 m breiter Korridor, von dem nach beiden Seiten die Ferienzimmer abgingen. Zwischen den Zimmern befanden sich weitere Türen, die je nach dem Raumbedarf der Feriengesellschaft geöffnet oder verschlossen werden konnten. An einem Ende des Korridors lag eine Etagenküche und das Treppenhaus. Auf den Treppenabsätzen führten Türen in einen separaten Anbau, in dem die Toiletten untergebracht waren. Badezimmer gab es nicht. Hinter dem Pensionsgebäude wurden manchmal einfache Gesindehäuser in Fachwerkbauweise errichtet.

Der Zuschnitt der Pensionen zeigt, dass sich die damaligen Feriengewohnheiten erheblich von unseren heutigen unterschieden haben. Etagenküchen, Verbindungstüren und Gesindehäuser lassen darauf schließen, dass gerne in großen Gesellschaften Urlaub gemacht wurde. Der eigentliche Badebetrieb in Binz, Sellin, Göhren und Saßnitz und den anderen Ferienorten an der Ostseeküste Rügens entsprach im Prinzip dem im noblen Friedrich Wilhelm Bad von Lauterbach/Putbus. Das Trinken von Mineralwasser geschah in den jeweiligen Kurhäusern. Warmbäder mit Badekabinen standen in Binz, Heinrich-Heine Straße 7 und Sellin, Warmbadstraße 4, den Gästen zur Verfügung. Für das Baden im Meer wurden in jedem Seebad getrennte Damen-, Herren- und Familienbadestellen eingerichtet. Hierbei handelte es sich um U-förmig zum Wasser geöffnete Pfahlbauten mit Umkleidekabinen, Sichtschutz und in das Wasser hinabführenden Treppenanlagen. In Nachbarschaft der Badeeinrichtungen entstanden Vergnügungsstätten, Pavillons für Konzerte, Kasinos, Gotteshäuser und zahlreiche Gaststätten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Abklingen des Flüchtlingsstromes wurden 1953 in der „Aktion Rose“ viele Pensionen enteignet und in Volkseigentum überführt. Die Gebäude wurden durch architektonisch anspruchslose Zweckanbauten nicht immer vorteilhaft erweitert und für den Massentourismus der DDR hergerichtet. Für den Gebäudeerhalt wurde das Notwendigste getan. Aus Mangel an Baukapazitäten kamen Eingriffe in die Gebäudesubstanz jedoch nur selten vor und mit der Verabschiedung des DDR-Denkmalpflegegesetzes von 1975 wurden sogar viele Bauzeugnisse der Bäderarchitektur unter staatlichen Schutz gestellt. Unter der Rubrik: „Denkmale zur Kultur und Lebensweise der werktätigen Klassen und Schichten des Volkes“ taucht das Badehaus Goor als Ferienheim des VEB Bandstahlkombinat Hermann Matern, Eisenhüttenkombinat Ost, Eisenhüttenstadt, in der Denkmalliste auf. In Binz, Sellin und Göhren und anderen Badeorten wurden komplette Straßenzüge als „Denkmalensemble“ in die Denkmalliste eingetragen.

Ostseebad Binz, Rügen, Haus Metropol - vor und nach der Modernisierung.

Ostseebad Binz, Rügen, Haus Metropol - vor und nach der Modernisierung.


In einer Stellungnahme zur denkmalpflegerischen Bedeutung der Bäderarchitektur in Binz vom 1. Oktober 1991 äußerte der damalige Hauptkonservator Dr. Gerd Baier zur Zukunft der Bäderarchitektur nach der politischen Wende: „Ihre Erhaltung und Zurückführung auf die ursprüngliche architektonische Gestalt ist sehr zu begrüßen und als ein akutes denkmalpflegerisches Anliegen zu bezeichnen. Zu beachten ist dabei, dass so weit wie möglich auch die innere Raumstruktur dieser Häuser wieder erlebbar gemacht wird, ohne dass dabei angemessenen Forderungen auf Funktionsgerechtigkeit und sanitäre Modernisierung entgegengewirkt werden soll“. Diese Zugeständnisse an moderne Wohnstandards, Baunormen und Rentabilität bedeuteten jedoch in der Realität häufig einen schweren Eingriff in die Gebäude- und Denkmalsubstanz, wenn nicht sogar das Erlöschen des authentischen Zeugniswertes. In Modernisierungsanträgen, die der unteren Denkmalschutzbehörde nach 1990 vorlagen, fanden sich besonders häufig Aufstockungen des Dachgeschosses, Vollwärmeschutz, Austausch der einfach verglasten Originalfenster gegen Fenster mit Isolierverglasung, Austausch der Holzbalkendecken gegen Betondecken und Totalerneuerung der Balkonanlagen. Leichtigkeit, Frische und Verspieltheit, die der Bäderarchitektur ursprünglich anhaftete, ging dabei oftmals teilweise oder ganz verloren. Im Inneren der Pensionen wurden die langen Flure aufgelöst und den Ferienappartements zugeschlagen. Auch die schönen Holztreppen und Türen des Originalbestandes haben in diesen hermetisch gegen Schall und Außentemparaturen abgeschlossenen Appartements schon aus Gründen der Brandschutznormen oftmals keinen Platz. Die aus der aktuellen Modernisierungswelle entstandene „neue Bäderarchitektur“ bietet zwar eine schöne Kulisse, hat aber keinerlei Zeugniswert über die frühe Badekultur an der Ostsee und deren Auswirkungen auf die Architektur. Daher gilt die besondere Aufmerksamkeit der Denkmalschutzbehörden den wenigen noch nicht modernisierten Gebäuden oder den bereits im Bestand reparierten Pensionen der Bäderarchitektur, die es für die Zukunft zu bewahren gilt.

Literatur

Andre Farin, Die Blütezeit des Friedrich-Wilhelm-Seebades in Putbus 1-5, Ostsee-Zeitung Rostock 1992.

Carola Herbst, Dr. S. G. Vogel, Allgemeine Baderegeln 1817, Wismar 2005.

Walter Ohle, Gerd Baier, Die Kunstdenkmale des Kreises Rügen, Leipzig 1963.

Ilona Pieper, Rekonstruktion und Umbau des Hauses „Metropol“. Denkmalpflegerische Zielstellung 1995. Landkreis Rügen, Die Landrätin, untere Denkmalschutzbehörde, Akte zu Denkmal Nr. 167.

Ilona Pieper, Umbau und Erweiterung – Haus „Neander“, Binz. Denkmalpflegerische Zielstellung 1994. Landkreis Rügen, Die Landrätin, untere Denkmalschutzbehörde, Akte zu Denkmal Nr. 132.

Markus Sommer-Scheffler, Die Bäderarchitektur der Insel. In: Armin Kühne, Rügen im Wandel, Leipzig 2007, 62-65.

Holger Wegner, Badehaus Goor „Friedrich-Wilhelm-Bad“. Denkmalpflegerische Zielstellung 2004. Landkreis Rügen, Die Landrätin, untere Denkmalschutzbehörde, Akte zu Denkmal Nr. 406.

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